Ökostrom & Ökogas

In den Medien wird das Thema Ökostrom kontrovers diskutiert. Dies ist ein Beleg für das große Interesse der Verbraucher an ökologisch hochwertigen Produkten. Es ist aber auch ein Indiz für die Unsicherheit bezüglich der Qualität und Glaubwürdigkeit von Produkten, die mit dem Etikett „Öko“ werben. Daher scheint es hilfreich, zunächst aufzuzeigen, was technisch überhaupt möglich ist und welche Tarifgestaltungen sinnvoll sind.

Kommt aus meiner Steckdose tatsächlich Grünstrom?

Tatsache ist zunächst, dass Strom aus einem bestimmten Kraftwerk oder Kraftwerkstyp – z.B. einem Wasserkraftwerk – nicht direkt an einzelne Stromkunden geliefert wird. Das wäre nur möglich, indem man den Verbraucher direkt mit z. B. dem Wasserkraftwerk verbindet. Da auf diese Weise aber weder eine sichere, verbrauchsabhängige Stromversorgung noch ein optimaler Betrieb des Kraftwerkes möglich wäre, ist diese Lösung nicht sinnvoll. Ferner ist der technische Aufwand einer solchen Direktversorgung so groß, dass sie allenfalls für große Industriebetriebe in Frage kommt, aber nicht für Privathaushalte.

Daher sind Werbeaussagen der Art: „Wir liefern Strom aus Wasserkraftwerken“ o.ä. so nicht richtig. Kein Stromlieferant kann die Lieferung aus einem konkreten Kraftwerk oder einer bestimmten Energiequelle zusagen. Die Aussage stimmt höchstens, wenn man sie folgendermaßen versteht: „Wir garantieren, dass mindestens soviel Strom in Wasserkraftanlagen erzeugt wird, wie wir an unsere Ökostromkunden liefern.“ Die Funktionsweise der Stromversorgung im europäischen Verbundnetz kann man sich nämlich vorstellen wie einen Stromsee. Alle Kraftwerke speisen ihren Strom in diesen „Stromsee“ ein, die Verbraucher entnehmen ihren Strom dem See.

Niemand kann beeinflussen oder kontrollieren, wer welchen Strom verbraucht. Entscheidend ist nur, dass Einspeisungen in den See und Entnahmen aus dem See immer nahezu gleich groß sind. Hierfür sorgen die Netzbetreiber, indem sie mit hochflexiblen Regelkraftwerken die Erzeugung ständig der Last anpassen. Die Strömungen im See bzw. im Stromnetz richten sich nach physikalischen Prinzipien wie etwa dem Ohmschen Gesetz. Der Stromfluss hängt somit ab vom Aufbau der Netze sowie von der momentanen Last und der Einspeisesituation.

Welchen Strom beziehen also Kunden im Netzgebiet der Mark-E und der Stadtwerke Lüdenscheid (das heißt, im Netz der SEWAG Netze GmbH)? Klar ist zunächst, dass jeder Tarifkunde Strom aus dem gleichen Erzeugungsmix bezieht wie sein Nachbar – selbst wenn die beiden unterschiedliche Tarife haben oder sogar unterschiedliche Stromlieferanten. In das Netz der ENERVIE Vernetzt GmbH speisen hauptsächlich die Kraftwerke der Mark-E ein, in Zeiten mit hoher Last muss zusätzlich Strom aus dem Amprion-Netz bezogen werden. Im Wesentlichen wird der im Netz verbrauchte Strom also in den Kraftwerken der Mark-E erzeugt, auf Basis von Gas, Biomasse, Wasser und Fotovoltaik. Auch die Wasser-, Wind- und Fotovoltaikkraftwerke anderer Betreiber speisen ihren Strom in das Netz der ENERVIE ein und tragen somit zur Lastdeckung im Netzgebiet bei.

Was zeichnet einen guten Ökostromtarif aus?

Wenn also auf Grund der physikalischen Gesetzmäßigkeiten kein Ökostromanbieter seinen Kunden umweltfreundlich erzeugten Strom liefern kann, welchen ökologischen Mehrwert haben dann Ökotarife?

Ein gut gestalteter Ökotarif schafft Anreize für den Ausbau von Erneuerbare Energien-Kraftwerken.

Das kann ein Ökotarif leisten, nicht mehr und nicht weniger. Weil man den Strom aus EE-Kraftwerken sowieso nicht gezielt zum Verbraucher leiten kann, ist es auch nicht notwendig, eine Stromlieferung aus einem EE-Kraftwerk einzukaufen. Es reicht völlig aus, die „Grünstromqualität“ von EE-Kraftwerken zu kaufen. Wenn EE-Kraftwerksbetreiber nämlich die Möglichkeit haben, zusätzlich zum Strom auch die Grünstromqualität ihrer Stromerzeugung zu vermarkten, entsteht eine zusätzliche Ertragsquelle für EE-Kraftwerke. Diese zusätzlichen Ertragsmöglichkeiten erhöhen die Wirtschaftlichkeit von EE-Kraftwerken, eine Investition in EE-Kraftwerke verspricht eine höhere Rendite, folglich werden mehr EE-Kraftwerke gebaut, erweitert oder modernisiert. Je höher die Nachfrage nach Grünstromzertifikaten ist, desto höher steigt der Preis und desto mehr EE-Kraftwerke werden gebaut.

In Europa werden die meisten Grünstromzertifikate über das System RECS (Renewable Energy Certificate System) gehandelt. Das RECS-System ermöglicht einen effizienten und zuverlässigen Handel mit Grünstromqualitäten.

RECS-Zertifikate sind jedoch nicht gleich RECS-Zertifikate. Ökologisch sinnvoll ist vor allem der Kauf von RECS-Zertifikaten aus möglichst neuen Kraftwerken, die hohe ökologische Standards erfüllen. Auf diese Weise verbessern sich über die große Nachfrage die Finanzierungsmöglichkeiten vor allem für ökologisch hochwertige Neubauten. Um dem Verbraucher die Suche nach hochwertigen Ökotarifen zu erleichtern, zeichnen die Verbände WWF, Verbraucherzentrale NRW und Ökoinstitut besonders hochwertige Tarife wie den KlimaFair Strom Tarif mit dem o.k.Power Label aus .

Woher kommt die Grünstromqualität eines Ökotarifs?

Viele Verbraucher wünschen sich, dass die Nutzung Erneuerbarer Energien vor allem in Deutschland weiter ausgebaut wird. Ein Ökotarif kann hierzu auch einen Beitrag leisten, wie zum Beispiel der KlimaFair Strom Tarif mit dem Fotovoltaik-Fördermodell. Die Grünstromqualität, die über RECS-Zertifikate eingekauft wird und einen Marktanreiz zum Ausbau von EE-Stromerzeugung schafft, stammt in der Regel jedoch nicht aus deutschen Kraftwerken, sondern häufig z.B. aus norwegischen Wasserkraftwerken.

Das hat folgenden Grund: In Deutschland gibt es ein sehr effektives Fördersystem für Erneuerbare Energien, das durch das EEG (Erneuerbare Energien Gesetz) geregelt wird. Das EEG garantiert jedem Kraftwerk, das Strom aus Erneuerbaren Energien ins Netz einspeist und bestimmte zusätzliche Voraussetzungen erfüllt, eine langfristige und kostendeckende Vergütung. Die Vergütungssätze liegen in der Regel deutlich über dem normalen Marktpreis, zu dem Kraftwerke ihren Strom verkaufen können. Somit wird über das EEG der Bau und Betrieb von EE-Kraftwerken bezuschusst, die sonst nicht wettbewerbsfähig wären. Der von EEG-Kraftwerken eingespeiste Strom muss vom lokalen Netzbetreiber aufgenommen und vergütet werden. Nach einem komplizierten Wälzungsmechanismus werden die Kosten für die EEG-Förderung dann auf alle Stromverbraucher in Deutschland umgelegt. Durch den Wälzungsmechanismus finanzieren alle Stromverbraucher dieses System mit. Auch der „Ökomuffel“ muss also seinen Anteil zur Förderung der Erneuerbaren Energien beitragen.

Deswegen ist es sinnvoll, wenn in Deutschland alle Anlagen, die sich dafür qualifizieren, ihren Strom gemäß dem EEG vermarkten und von der EEG-Förderung profitieren. Damit ist allerdings auch die Grünstromqualität des Stroms abgegolten. Die Grünstromqualität darf nicht noch einmal an Stromhändler oder Endverbraucher verkauft werden.

Ökotarif-Anbieter beziehen ihre Grünstromzertifikate daher in der Regel aus Kraftwerken, die nicht von einer gesetzlichen Förderung profitieren. Dies sind z.B. einige große Wasserkraftwerke in Deutschland oder Österreich und Wasserkraftwerke in Norwegen. Durch die Nachfrage nach RECS-Zertifikaten entsteht also auch für EE-Kraftwerke, die direkt mit konventionellen Kraftwerken (z.B. Atom oder Kohle) konkurrieren, eine zusätzliche Erlösquelle. Eine solche Tarifgestaltung ist also ökologisch und wirtschaftlich sinnvoll: Kraftwerke, die über das EEG gefördert werden, werden von allen deutschen Verbrauchern bezuschusst. EE-Kraftwerke, die diesen Vorteil nicht genießen, werden durch die Nachfrage nach RECS-Zertifikaten gefördert.